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Fische, Vögel, Pflanzen
Mosaik von Ernst Vogel
Frauen mit Mandoline

kunst am bau in darmstadt -
1. rundgang

Im Sommer 2005 startete das Hessische Wirtschafts-ministerium zum ersten Mal mit seiner landesweiten Aktion: „Kunst privat“ – Hessische Unternehmen öffnen die Tore und bieten Einblicke in ihre Kunstsammlungen. In diesem Jahr wurde auch die bauverein AG dazu eingeladen. Unser Unternehmen organisierte 4 Rundgänge durch verschiedene Stadtviertel und stellte den interessierten Teilnehmern die Kunstobjekte, Mosaike und Wandmalereien vor.

Unsere Darmstädter Mieterinnen und Mieter werden den größten Teil der Arbeiten sicher kennen, denn auf ihren gewohnten Wegen zur Arbeit, zum Einkaufen kommen sie häufig daran vorbei. Die Objekte sind längst mit den sie umgebenden Gebäuden und Grünanlagen verwachsen. Es würde wirklich etwas fehlen, sollten die Kunstwerke plötzlich, über Nacht, verschwunden sein.

Wir möchten Sie einladen, den ersten Rundgang mit uns zu gehen.Wir starten am Darmstädter Liebighaus und enden am Hinkelsturm.

Vier Skulpturen prägen die Platzanlage vor dem Liebighaus. Volkshochschule, Bibliothek, Veranstaltungsräumlichkeiten sind hier konzentriert, die Bronze „Buchhändler“ von Michael Schwarze, 1983, weist deutlich auf diesen Zusammenhang hin. Dem Eingang sehr nahe, zieht ein weiblicher Akt auf den Zehenspitzen balancierend die Blicke auf sich. Diese bronzene Arbeit „der große Tanzschritt“ stammt von Giacomo Manzu, um 1960. Schräg gegenüber befindet sich die schwere Eisenplastik – Bernhard Meyer 1997, die an die Deportation und Ermordung der Darmstädter Roma und Sinti erinnert. Am „Niebergallbrunnen“ – Well Habicht, 1930 – vorbei kommt man an den Woogsplatz und sich gegenüberliegend schmücken zwei große Wandmosaiken die Fassaden. Helmut Lander ist der Künstler dieser Arbeiten, die 1952/53 angebracht wurden. Gerade der „Flötenspieler“ zeigt eine vollkommenent spannt liegend/lehnende männliche Figur, die musizierend mit den Vögeln den Tag genießt. Der schreckliche Krieg liegt fast acht Jahre zurück und die Stadt erholt sich spürbar. Der Bauverein baut ein Wohngebäude nach dem anderen, und es gibt wieder eine sichere Zukunft. Frieden macht glücklich.

Das lang gestreckte Wandmosaik aus Keramik und farbig gefassten Putzflächen ist in Farbe und Form ganz typisch für die 50er Jahre. Hier zeigt sich ein künstlerischer Geist, der befreit von dem schweren Pathos der Vergangenheit, die Herausforderungen einer sich demokratisch orientierenden Gesellschaft annimmt.

Jetzt geht es eine längere Strecke durch die Soderstraße bis Ecke Gervinusstraße, um an der Giebelseite der Soderstraße 70 ein großes Wandgemälde aus Putz und Farbe, ein Sgrafitto, zu betrachten: „Frauen mit Mandoline“ von Herbert Stephan, 1952. Dunkel gehaltene Farben, die Frauenkörper in einer fast demütigen Haltung, sie könnten kaum gegensätzlicher zum Flötenspieler sein. Sie verkörpern die anderen Seiten in dieser Zeit. Dankbarkeit und auch Angepasstheit, Abwarten wie sich wohl alles entwickeln wird.

Weiter, Beckstraße Ecke Rossdörfer Straße trifft man auf eine schwere und übergroße Frauengestalt aus Beton mit Muschelkalk inmittender mit Bäumen bestandenen grünen „Insel“. Der Bildhauer Well Habicht hat 1954 diese Freiplastik geschaffen. Sie erinnert damit 10 Jahre danach an die Darmstädter Bombennächte und symbolisiert den Wiederaufbau. Geradeaus und fest blickt sie auf die heute stark befahrene Straßenkreuzung, man kann sie nicht übersehen.

Die Rossdörfer Straße stadtauswärts im gepflegten Vorgarten einer großen Wohnanlage Nr. 79 auf der rechten Seite – hier begegnet uns eine Tierplastik, modelliert von Johannes Peschko, 1956 und in Bronze gegos-sen. Eine Gans mitten in der Stadt. Stark stilisiert, auf das Wichtigste reduziert mit lang vorgestrecktem Hals. Sie hält Wacht und fixiert auf-merksam die Bewohner und Passanten. Damals hat noch keiner an den Düsenjet die Concorde gedacht, Peschko schon.

Der Weg führt nun über die schmalen Wege der Grünanlage zum rückwärtigen Teil der Wohngebäude und durch eine Hofeinfahrt auf die Heinrichstraße. Die eine Wand der Durchfahrt ziert ein Mosaik, welches in größeren Serien in der Staatlichen Majolikamanufaktur in Karlsruhe hergestellt worden ist. Es geht hier um die Elemente Wasser, Luft und Erde, dargestellt mit Fischen, Vögeln und Pflanzen. Zarte Farben und eine schwungvolle Gliederung des Wandfelds entsprechen ganz den Gestaltungsvorstellungen der neuen Zeit.

Langsam geht es die Heinrichstraße wieder stadteinwärts und in einer weiteren Hofeinfahrt lässt sich ein Glasmosaik bewundern, welches 1955 von Ernst Vogel entworfen worden ist.  Eine große Sonne bestrahlt eine Szene, in der die Gesten der abgebildeten Menschen alles das widerspie-geln, welches zu Beginn der Tour in der gegensätzlichen Betrachtung des „Flötenspielers“ und der „Frauen mit Mandoline“ angesprochen worden ist.

Eine echter Höhepunkt auf demWeg ist sicher die Brunnenplastik von Fritz Schwarzbeck, 1955, Heinrichstraße Ecke Beckstraße. Aus rotem Sandstein gearbeitet, stehen auf dem Beckenrand zwei Stiere. Klein zwar, aber kräftig und in sich ruhend, beäugen sie die Situation. Die Anlage ist jetzt freigelegt und nach dem Winter soll der Brunnen auch wieder sprudeln.

Gegenüber der Straße und in direkter Blickbeziehung befindet sich in der Gartenanlage ein Sandsteinrelief, 1954 von Well Habicht – Titel: „Mädchen mit Tauben“.

Immer noch auf der Heinrichstraße kommen wir an eine große grüne Wiesenanlage, in der vor den Balkons der Wohnungen die Bronzeplastik von Wilhelm Loth zu besichtigen ist; „Mutter mit Kind“, 1955. Eine ausge-sprochen heitere Mutter schwingt an den ausgestreckten Armen ihr Kind. Beide sind eins miteinander, ihr Glück scheint vollkommen.

Es geht jetzt die Gervinusstraße leicht abwärts, an ihrem Ende auf die Darmstraße stoßend, steht eine Bronze in der Wiese vor großer Lochfassade. Der stehende weibliche Akt, 1961 von Ulla Scholl, hält schützend die Arme vor den Körper, sie dreht ihren Kopf zur Seite und vermeidet jeden Blickkontakt mit den Passanten. Hierfällt die enge Beziehung zwischen dem Wandgemälde und der Skulptur auf. Die Körperhaltungen der weiblichen Figuren wollen sich nicht öffnen. Die Betrachter, wenn sie nicht achtlos vor-beigehen, müssen nachdenken und nach dem Warum suchen.

Abschluss des Rundweges könnte der Hinkelsturm an der Stadtmauer sein. Von oben einen Blick über die Dächer der Stadt zu werfen, ist einfach lohnenswert.


Ein Text von Konrad Hoppe, geschrieben für das Mietermagazin der bauverein AG, Ausgabe 12, Dezember 2006.

Kunst am Bau in Darmstadt - 1. Rundgang

Kunst am Bau in Darmstadt - 1. Rundgang Artikel "Kunst am Bau in Darmstadt - 1. Rundgang" aus dem "miteinander", Nr. 12, Dezember 2006.
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