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kunst am bau in darmstadt -
2. rundgang

Von Mosaiken begleitet, einmal rund um die St. Ludwigskirche

Es ist eine insgesamt schöne und vielsichtige Situation, wenn man vor der St. Ludwigskirche steht. Noch etwas fremd, ungewohnt kommen einem die  dem Theater vorgesetzten und inszenierten Neubauten vor. Noch ist nichts richtig fertig, aber man ahnt: hier muss noch viel geschehen.

Markant ragt der von vier überlebensgroßen Mädchen getragene Obelisk des „Alice-Denkmals“ –1902 – in den Himmel. Interessant bleibt, dass erst die Spenden der Darmstädter Bürger die Finanzierung dieses Denkmals ganz wesentlich ermöglicht haben.

1. Wilhelminenplatz 14/15
Vorbauten gliedern das rechter Hand stehende Wohngebäude. Deren Brüs-tungsfelder schmücken prachtvoll glänzende Mosaiken. Helmut Lander hat sie entworfen und hier 1953 angebracht.

Auffallend ist das glänzende Gold, teilweise abgelöst von Gelb und den sehr kontrastierenden blauen bis violetten Farben. Die überwiegend kubischen, in Reihe ausgeführten geometrischen Felder könnten gebaute Landschaften darstellen, die dem einfachen, aber soliden Bau somit ein eigenes Bild geben.

Das große Stillleben wird dagegen figürlich konkret mit Krug, zwei Saiteninstrumenten und einer Vase. Die dominierenden Farbwechsel bleiben, ebenso die Wechsel zwischen den ganz unterschiedlich großen wie kleinen gläsernen oder keramischen Mosaiksteinen. Die übrigen zwei großen Wandfelder, ebenfalls früher mit Mosaiken geschmückt, zeigen sich heute nur noch farbig gefasst.

2. Wilhelminenplatz 16/17
Weiter in Richtung Fußgängerzone, stehen wir einem auf der Giebelseite des Gebäudes ausgeführten Sgraffito gegenüber. Die Bildsprache ist eindeutig: kräftige Handwerker tragen auf ihren Schultern schwere Materialien. Der Titel dieser Arbeit lautet auch: „Bauhandwerker“. Die Arbeit stammt von Ernst Vogel aus dem Jahr 1954. Dieses Fassadenkunstwerk gehört zu den wenigen im Stadtbild, welches klar auf den Wiederaufbau der Stadt nach 1945 hinweist und wer die eigentliche körperliche Arbeit verrichtet.

3. Karlstraße 28/Kiesstraße
Auch hier handelt es sich um die Giebelseite des Gebäudes. Eine direkt davor aufgestellte Straßenlaterne irritiert, nimmt sie doch den Blick auf das Fassadenmosaik von Hermann Tomada, 1957. Kräftige, schwarz gefasste, die Senkrechte betonende Linien, begleitet von mehreren in variierenden Blautönen ausgefüllte Mosaikflächen kennzeichnen diese Arbeit. DieSteine weisen ausgesprochen kleine Formate auf, an den Kreuzungspunkten zu den waagrecht gezogenen Linien finden sich keine rechten Winkel. Daher kann einem die Vorstellung eines Mobiles in den Sinn kommen, welches sich bei jedem Luftzug schwingend in Bewegung setzt.

4. Kiesstraße 25–27
Über der Toreinfahrt hat 1956 Walter Nass eines der großen Mosaiken in Darmstadt angebracht. Der Titel dieser Arbeit lautet: „Reiter“. Die Fläche wird von schweren vorgeblendeten Betonrahmen in sechs Felder aufgeteilt, wobei zwei der Felder noch von Fensteröffnungen durchbrochen sind. Das „Gemälde“ wird durch die Rahmungen nicht beeinträchtigt. Die ausgeführten Linien der Pferdekörper und Reiter laufen durch, und gerade die Farbwechsel der keramischen Mosaikflächen geben dem Bild eine statische Ruhe in der Bewegung. Erdige Rottöne stehen schwarz-anthrazit-farbenen Tönen gegenüber und um die Kontraste besonders herauszustellen, sind blau glasierte schmal-streifige Kacheln dazwischen gesetzt.

Der weit ausgeholte Schwung des die Mosaikmitte betonenden Pferdebrustkorbs hat eine Dominanz, die so gar nicht in das Raster der Fläche zu passen scheint. Aber gerade das macht es aus, um kurz stehen zu bleiben, mit den Augen den unterschiedlichen Linien nachzufahren, um Ross und Reiter zu erkennen.

5. Heinrichstraße 55/Karlstraße
Wir gehen auf die große Kreuzung zu und obwohl der starke Verkehr, die Straßenbahn, Haltestelle und Ampelanlage keine gute Umgebung für eine Kunstbetrachtung abgeben, so sollte man unbedingt das in erdigen bis ocker-gelbtönigen Farben geschaffene Mosaik betrachten. Der Künstler ist Ernst Vogel. Typisch für das architektonische, auf die Kreuzung bezogene Erscheinungsbild des Gebäudes, die„Kunst am Bau“ und das Wohn- und Geschäftshaus ergänzen sich bestens: Jahrgang 1957.

Das die ganze Fassade einnehmende Mosaik in starker vertikaler Rahmung stellt sechs Alltagsszenen dar, wie wir sie alle kennen. Sei es im Gespräch oder auf der Bank den Feierabend genießend, Mutter mit Kind, bei der Arbeit – im weitesten Sinne handelt es sich immer um Kommunikation. Die Figuren sind nun nicht naturalistisch gestaltet, aber ihr Gestus, Farbwechsel und Konturen signalisieren sehr viel Nähe, durchaus Wärme, auch wenn der Verkehr solche Gefühle beim Betrachter kaum zulässt.

6. Karlstraße 47, 49, 51, und 53
Kunst neben den Haustüren: die Farben der keramischen Kacheln, die sorgfältig ausgeführten Wechsel zwischen größeren Bruchstücken bis zu ganz kleinen Splittern, vertikal ordnende Streifen müsste Ihnen bekannt vorkommen.

Sie erinnern sich an  das Reitermosaik? Wir begegnen hier wieder dem Künstler Walter Nass. Diese Empfangssituationen von 1955 beinhalten nun keine gegenständlichen Szenen, sondern wir sehen abstrahierende topographisch angelegte Landschaften von Rundungen und Diagonalen durchzogen. Die Kontraste von geometrisch hellen zu dunkel amorph changierenden Flächen lassen einen Vordergrund wie Hintergrund erkennen. Es könnten Naturräume sein, denen Menschen längst ihre Strukturen eingegraben haben.

7. Wilhelminenplatz 2/Sandstraße
Es geht wieder zurück zum Ausgangspunkt und wir treffen erneut auf Ernst Vogel. Er hat dieses heitere Landschaftsbild mit Menschen und Tieren 1958 gestaltet. Der besondere Reiz dieses Mosaiks besteht nicht allein in den Farben, sondern in der Wahl farbiger Keramik und farbigen Glases. Die Kombination zweier verschiedener Materialien verstärkt den Ausdruck, und die Elemente Wasser, Luft und Erde kommen so zur Geltung.

Es lohnt sich, einen Blick auf die Fassade zur Gartenseite zu werfen. Die dort angebauten Balkonbrüstungen sind mit farbigen Klinkerplatten ver-blendet. Sie strahlen in einer Regelmäßigkeit und sauberem Fugenspiel, das allein könnte schon zur Kunst gezählt werden.

8. Sandstraße 4
Nur wenige Schritte weiter begegnen wir einer Skulptur: „die Seherin“, roter Sandstein von Fritz Schwarzbeck, um 1959. Für die Umgebung etwas unerwartet stehen wir dieser Figur gegenüber; geduckt, den Kopf eingezogen, den Oberkörper etwas nach hinten geneigt, mit der rechten Hand die Stirn abdeckend gen Himmel blickend. Was sie wohl sieht? Die Antworten bleiben spekulativ angesichts des nahezu idyllischen Grüns, eine Aufzählung der Spekulationen wäre fehl am Platze. Die Körpersprache der Seherin hat eher etwas Ermahnendes, sie sagt den Anwohnern möglicherweise: pflegt und schützt eure Häuser, haltet euer Lebensumfeld in Ehren und seid dankbar.


Ein Text von Konrad Hoppe, geschrieben für das Mietermagazin der bauverein AG, Ausgabe 13, Juli 2007.

Kunst am Bau in Darmstadt - 2. Rundgang

Kunst am Bau in Darmstadt - 2. Rundgang Artikel "Kunst am Bau in Darmstadt - 2. Rundgang" aus dem "miteinander", Nr. 13, Juli 2007.
Kunst am Bau in Darmstadt - 2. Rundgang PDF-Datei (637.1 kB)
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